von Richard Feuerbach

Eine gewisse Entropie macht sich breit. Etwas ist, für viele Menschen spürbar, aus den Fugen geraten. Das Sicherheit, Verlässlichkeit und Geborgenheit gebende System, die Demokratie, ist in Unordnung geraten. Die Freiheit scheint derangiert. Der Grad der Unordnung ist subjektiv und schwer zu messen. Die Wissenschaft versagt oder ihr wird die Glaubwürdigkeit versagt. Die Wirklichkeit liegt im Auge des Betrachters und das Subjektive ist das Maß aller Dinge. Der Individualismus relativiert sich selbst. Wahrnehmungen verschieben sich. Gleiten ins Psychotische ab. Bei vielen Menschen hat sich die Wahrnehmung in den letzten Jahren verschoben. Manche sind auch einfach nur verschroben. Jeder verarbeitet die Realität anders. Aber jeder Jeck ist anders, gilt nicht mehr. Wird von vielen Menschen nicht mehr anerkannt.

Das Denken, Fühlen, Empfinden, der Kontakt zu sich selbst und zu anderen Menschen hat sich verändert. Die Menschen haben immer mehr Mühe, zwischen der Wirklichkeit und der eigenen subjektiven Wahrnehmung zu unterscheiden.

Viele Menschen leiden an Müdigkeit. Nicht nur an Coronamüdigkeit. Antriebslos, in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt, zucken viele nur noch mit den Schultern. Andere hingegen zucken und mucken hypernervös und misstrauisch auf, fühlen sich fortwährend angegriffen und vom Zeitgeist verfolgt.

Die Anzeichen einer gesamtgesellschaftlichen Psychose sind unübersehbar. Wenn man genau hinschaut.

Oder sollte man vielleicht eher von eine Neurose sprechen? Man kann wohl beides. Sowohl von einer Psychose als auch einer Neurose sprechen. Denn vielen Menschen ist ihre Störung selbst bewusst. Das unterscheidet die Neurotiker von den Psychotikern. Letzteren ist ihre Störung nicht selbst bewusst. Es mag haarspalterisch wirken oder auch nicht. Es ändert jedoch nichts daran, dass die Gesellschaft krank ist und immer kranker wird. Zahlreiche Symptome sprechen dafür.

Die Wehleidigkeit steht der Resilienz gegenüber.

Die Resilienten stehen wie Teflonpfannen herum und lassen alles an sich abprallen. Sie wirken oft anteilnahms- und empathielos oder egalitär. Zurückgezogen ins private Glück, lassen sie den Dingen einfach ihren Lauf.

Die Wehleidigen sind stets besorgt. Um sich selbst oder um die körperliche und geistige Gesundheit der Anderen. Aber Hypochonder sind keine Simulanten. Sie haben einfach große Ängste. Insofern ist es ebenso abfällig von besorgten Bürgern zu sprechen, als auch von Hypermoralisten. Solcherlei Framingbegriffe besiegen niemandem seine Angst. Sie gießen höchstens Öl ins Feuer.

Man kann den Menschen keinen Vorwurf machen. Niemand würde sich wirklich selbst als böse oder schlecht bezeichnen. Jeder glaubt doch nur das Beste zu wollen.

In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, richtigerweise muss man wohl von Gesellschaften im Plural sprechen, verändert sich auch das Prinzip der Sozialisation und eine Verortung wird immer schwieriger. Viel eher treten die Effekte einer Generationensozialisation hervor.

Auch das junge, moderne und weltoffene Deutschland leidet immer noch an seiner Geschichte und der Geschichte seiner Großeltern und Urgroßeltern. Da ist noch lange nicht alles aufgearbeitet und nichts kann unter den Teppich gekehrt werden, nur weil man keine Lust mehr hat, sich damit auseinanderzusetzen oder es einen nervt.

Ob eine wie auch immer geartete Identitätspolitik hier zu irgendetwas Nutze ist, sei einmal dahingestellt. Ich persönlich glaube es nicht. Für mich erscheint Identitätspolitik nur als Feigenblatt und Mantel des Schweigens und der Verdrängung. Sie schiebt die eigenen Lebensaufgaben auf das generalisierte Andere und dient oft einzig dazu, es sich selbst leicht zu machen und Schuldfragen entweder gar nicht erst zu stellen oder sie unter Verweis auf die Gegenwart zu relativieren. Man könnte es mit böser Zunge gesprochen auch mit einer Art Ablasshandel vergleichen.

Jeden einzelnen Menschen geht die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft etwas an. Wir alle befinden uns auf einer Wegstrecke von Irgendwo nach Nirgendwo. Das Nirgendwo können wir jedoch definieren. Wenn wir uns trauen und uns mit uns selbst sowie unserer Herkunft beschäftigen. Ohne uns jedoch für etwas zu definieren oder mit etwas zu identifizieren, zu dem wir nichts beigetragen haben.

Unsere Ahnen lebten in harten Zeiten. Das hat sie selbst hart und stark gemacht. Diese harten und starken Menschen haben gute Zeiten geschaffen. Die Boomer haben davon profitiert. Doch die guten Zeiten haben schwache und wehleidige Menschen, mit hohen bis überhöhten Ansprüchen geschaffen. Nun müssen wir aufpassen, dass diese schwachen, von der Geschichte verwöhnten Menschen, nicht wieder harte Zeiten schaffen.

Generationensozialisation kann man aber auch auch präziser, auf einzelne Familien bezogen beschreiben. Wenn zum Beispiel die Großmutter im 2.Weltkrieg Gräueltaten am eigenen Leib erlebt hat und darauf mit Depression und Alkoholismus reagiert hat, so hat das vermeintliche Boomerkind der 50er und 60er Jahre vermutlich trotz Wirtschaftswunder und Freiheit seine eigene Kindheit als hart und sehr negativ erlebt. Vielleicht hatte es keine Chancen einen höheren Bildungsabschluss zu erlangen und sein ganzen Leben lang hart gearbeitet, um heute von einer geringen Rente am Rande des Existenzminimums leben zu müssen. Solche Menschen sehen oft ihr einziges Glück und Ziel darin, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen.

Die Therapeuten sind vielbeschäftigt und mit dieser Generation oft reich geworden.

Das Enkelkind dann, bspw. in den 70er oder 80er Jahren geboren, hatte fast alle Möglichkeiten. Aber eben auch nur fast. Denn die 80er, so sehr sie heutzutage auch von manchen Menschen glorifiziert werden, waren auch die Zeit, in der man sich selbst als Generation No Future begriffen hat.

Die Angst vor Abstieg, vor dem Nichterreichen des sozialen Aufstiegs, die real existierende Ungleichheit und der Mangel an Bildungsgerechtigkeit waren und sind immanent. Die Angst begleitet alle Generationen. Die Ängste der Eltern übertragen sich auf ihre Kinder und von diesen wiederum auf die Kindeskinder.

In der Nachkriegszeit lebten die Menschen in ständiger Angst vor einem erneuten Krieg. Der kalte Krieg war eine ständige Bedrohung mit Atomschlägen. Später gab es dann neue Ängste, zum Beispiel vor dem Waldsterben und einer verheerten, dystopischen Erde.

Ängste sind im wahrsten Sinne des Wortes Ketten.

Heute leiden die Menschen jedoch nicht mehr nur unter „natürlichen“ Ängsten, sondern auch unter „geschürten“ Ängsten und „neuen, realen Bedrohungen“.

Corona, Klimawandel, Kriminalität, Armut und Altersarmut, Wohnungsnot, schwindende Freiheiten, Meinungsangst, Existenzangst, immer schwieriger werdende Partnerschaften, Vereinsamung, Überschuldung…die neuen Ängste sind Legion und jeder hat seinen eigenen Rucksack zu schleppen.

Eine unüberschaubare Informationsflut, bewusst oder unbewusst gestreute Fakenews, Verschwörungstheorien die absurd sind, Verschwörungstheorien die Realität zu werden scheinen, politisches und mediales Framing, Hass im Netz, Trollarmeen in den asozialen Medien, um sich greifende Besserwisserei, eine kaputte Diskussions- und Streitkultur, Cancel Culture, meldesüchtige Mitmenschen, eine sich selbst beweihräuchernde Politkaste im Dauerwahlkampf und gespenstische Ideologien schüren die Ängste immer weiter und fachen die Frustration an.

Aber nicht nur die Politik hat einen unwiederbringlichen Vertrauensverlust erlitten. Auch die Wissenschaft hat viel an Vertrauen eingebüßt. Das liegt nicht zuletzt an sich immer mal wieder offenbarenden Gefälligkeitsstudien, handwerklich miesen und schnell zusammengeflickschusterten Studien, die zum politischen Missbrauch einladen oder an einem verstecktem Erkenntnisinteresse. Wenn Wissenschaftler beispielsweise anderen, renommierten Wissenschaftlern bei kritischen Anmerkungen oder Gegentheorien reflexartig Wissenschaftsleugnung vorwerfen und damit den kritischen Rationalismus und die gesamte Wissenschaftstheorie mit Füßen treten, dann zerstört sich Wissenschaft selbst und schafft vor allem eins nicht mehr: Wissen.

Wissenschaft lebt vor allem vom Widerspruch.

Wenn es dann auch noch zur Gewohnheit wird, bei Studienabschlüssen und Doktorarbeiten zu schummeln, wird es nicht besser mit dem Vertrauen der Nichtakademiker in die akademische Elite.

Die heftigen Auseinandersetzungen in der Coronakrise haben schwere Schäden hinterlassen. Nicht nur in den Psychen und bei den Bildungschancen der Kinder. Auch in der Wirtschaft und vor allem beim Vertrauen in den Staat und unsere demokratische Verfassung und die freiheitliche Grundordnung.

Was tut die Politik? Sie verrennt sich geradezu blind in einen Amokmodus. Ob es die immer gleichen Mahner mit Dauerkarte in Talkshows sind oder politische Führungskräfte, die eine zur Unabhängigkeit verpflichtete STIKO beeinflussen wollen und zu Empfehlungen zu nötigen versuchen, um sich bei dessen Weigerung einfach über deren wissenschaftliche Erkenntnisse und Empfehlungen hinwegzusetzen. Oder ob es zu Überbietungswettkämpfen in Sachen Grundrechtseinschränkungen in Konkurrenz zu Öffnungsorgien mit Wahlkampfhintergrund kommt…die Politik schafft mittlerweile mehr Probleme als sie löst.

Nicht mehr Mediziner empfehlen die Medizin, sondern Politiker. So untergräbt man das Vertrauen sowohl in die Wissenschaft als auch in die Politik.

Überall versuchen alle(s) und jeder Einfluss zu nehmen.

Impfbefürworter und Impfgegner sind Personen, Kategorien und Schimpfwörter, die sich gegenseitig bekämpfen. Keiner lässt des anderen Meinung, Angst und Freiheit mehr gelten. Man wünscht sich gegenseitig in asozialen Medien den Tod. Mittlerweile sogar unverhohlen mit Klarnamen. Bisher kannte man so was nur von anonymen Accounts. Ein Lichtblick, dass diese Auswüchse noch Menschen erschrecken.

Wohin gehst du Gesellschaft? Wohin willst du gehen? Wo soll das enden? Wo fangen wir an? Wie können wir die Gesellschaft heilen?

Ich weiß es nicht. Ich glaube es kann nur jeder bei sich selbst anfangen, indem er sich selbst und sein Denken und Handeln hinterfragt. Indem er zunächst achtsam mit sich selbst umgeht, um anschließend achtsamer mit seinen Mitmenschen sein zu können. Die Menschen müssen erst wieder erlernen sich selbst zuzuhören, in ihr Inneres zu hören. Einander zuhören, einander zu erhören. Den Blick vom Trennenden wieder mehr dem Verbindenden zuwenden. Diskussionen nicht als Gewinnspiel sondern als gewinnbringend betrachten.

Vor allem sollten aber glaube ich viele Menschen, das gilt auch für mich, weniger Zeit im Internet oder vor der Glotze verbringen.