Von Richard Feuerbach

Ich höre: „Ich kann nicht mehr schlafen, schlafe keine Nacht mehr durch und wache 5x in der Nacht auf. Ich bin nur noch müde.“

Ich sehe:  Ein Kind, wie einen Tiger auf Koks, durch die Wohnung rennen. Wie es von innerer Unruhe getrieben, mit verzweifeltem Blick nach Hilfe schreiend, sich haltsuchend in meine Arme klammert und nicht loslassen kann.

Ich spüre: Wie ein Kind seelisch kollabiert und welches Aggressionspotential es entwickelt, wenn es zum gefühlten fünfzehntenmal aus der Distanzunterricht-Audiositzung rausgeworfen wurde.

Ich erlebe: Wie es verzweifelt, wenn es wegen technischer Probleme nicht mehr in die laufende Sitzung reinkommt, die Aufgabenstellung und Erklärung verpasst und hinterher resigniert von der Lehrerin angeschissen wird. Weil es die Aufgabe eben nicht fertiggestellt und über irgendeine Plattform X, dessen Zugangsdaten es längst wieder verschlampt hat, nicht rechtzeitig hochgeladen hat.

Ich leide mit: Wenn es darum bettelt mal für 3 Tage keinen Bildschirm mehr sehen zu müssen.

In diesem Moment denke ich darüber nach, wie ich doch immer darauf geachtet habe, dass es nicht zu viel Medien konsumiert.

Nach dem Feierabend, wenn wirklich endlich mal Schullockdown ist, dann bleibt ihm nur der soziale Kontakt über die zahlreichen Messengerdienste. Dann fühlt es sich vor Langeweile wie ein Blatt im Tornado der verlorenen Möglichkeiten, weiß genau, dass es doch eigentlich besser wäre, das Onlineangebot des Fußballvereins anzunehemen als Minecraft zu zocken oder YouTubern die Existenz zu sichern.

So verstreicht die Zeit. Die einem Kind ewig erscheinen kann, hat es doch noch nicht den Maßstab. All die unerlebten Erlebnisse verlieren sich auf einer Wegstrecke vom Irgendwo ins Nirgendwo.

Das Kind fragt: „Wie lange noch?“

Ich weiß es nicht, mein geliebtes Kind.

Die erste Liebe online. Cyber-Lara. Nie live gesehen. Denn die Eltern haben Angst. Treffen impossible. Ist es Liebe? Es wird wohl nicht herausgefunden.

Liebesbotschaften der Pubertiere. Gruppenchats bis morgens früh um 6.

Reallife? „Das ist doch real?“ „PAPA?“

Nein, mein Kind. DAS ist nur noch surreal.

Der erste Kuss fällt vorerst aus. Verpasste Küsse.

Den Schmetterlingen wurden die Flügel gestutzt. Man findet sie jetzt auf kleinen Stecknadeln im Glaskasten des Museums der Erzählungen und Narrative.

Was soll man da klagen?

Mal biste Hund, mal biste Baum.

Es ist halt, wie es ist?

Das Kind, zum Baume sein verdammt…es wär so gerne mal wieder Hund.

Doch es hat Wurzeln geschlagen. Ist nur noch pissed. Die Sozialisation ist das Netz. Gefangen im Spinnernetz.

Wage es nicht zu zappeln oder zu zucken. Hör auf dran zu jucken. Du Zappelphillip. Du Querulant.

Wagst du es doch, so kommt immer mehr, irgendein empathieloses Arschloch aus dem Corona-Off daher und keifft dich an:

„Stell dich nicht so an. Oder willst du etwa, dass tausende Menschen sterben müssen, du unsolidarisches Arschloch? Willst du schuld am Tod deiner oder meiner Großeltern sein? Bist du dumm oder was? Siehst du nicht, was die Virologen sagen? Hörst du nicht, was die Leute sagen? Siehst du denn nicht, wie ernst es ist? Wie sich die Regierenden sich um dich sorgen? Gehöre doch nicht zu den Negierenden und grenze dich doch selbst nicht aus.“

Beim ins Bett bringen sagte mein 13jähriger Sohn heute zu mir:

„Weißt du, was ich am liebsten machen würde? Schlafen und erst wieder aufwachen, wenn Corona vorbei ist.“

Und ich? Schreibe mit den Tränen kämpfend diesen Artikel hier. Ich hoffe es gibt sie noch. Die Empathie. Die Liebe zu unseren Kindern. Der Zukunft.