Von Richard Feuerbach

Der sogenannte Distanzunterricht ist eine Katastrophe für Eltern, Lehrer und vor allem für unsere Kinder. Er ist ein einziges Armutszeugnis für Deutschland, die Digitalisierung und ganz besonders für die Verantwortlichen.

Ich bin zur Hälfte alleinerziehender Vater zweier Schulkinder, die in die 5.Klasse und 8.Klasse gehen. Seit März 2020 arbeite ich täglich bis zu 10 Stunden im Homeoffice. Nebenher betreue ich meine Kinder in allen Lebenslagen. Doch aus dem Nebenher ist inzwischen ein zweiter Vollzeitjob geworden.  Als Lehrer, Systemadministrator, Einkäufer, Koch, Bewegungsmotivator, Medienzensor und psychologischer Coach meiner Kinder.

Beim ersten Lockdown der Schulen habe ich ja noch die Füße still gehalten und die Zustände als neue, unabänderliche Erfahrung hingenommen. 

Jetzt aber, fast ein Jahr später, platzt mir langsam doch der Kragen.

Die Schule meiner Tochter hält ihren Distanzunterricht in diesem zweiten Schullockdown mittels Jitsi als Videokonferenz. Die Unterrichtsmaterialien werden sowohl über Moodle als auch über Padlet bereitgestellt. Dennoch schicken diverse Fachlehrer ihre Aufgaben weiterhin oder auch einfach nur zusätzlich als Absicherung per Email. Seit Montag erreichen mich täglich zwischen 5 und 10 Emails mit jeweils 1-10 Anhängen, der verschiedensten Dateiformate. PDF ist hierbei das den versendenden Lehrerinnen und Lehrern am wenigsten geläufige Format. Vom schlechten Handybild als JPEG bis zu aufwendig und liebevoll gestalteten Dokumenten im Word-Format ist alles dabei.

Das heißt alleine für meine Tochter gilt es 4 Plattformen zu beachten und zu bedienen. Viele Arbeitsblätter müssen vor der Bearbeitung ausgedruckt werden und anschließend mittels Handy und der App MS Office Lens abfotografiert, in PDF-Format konvertiert und dann entweder hochgeladen oder als Email an die Lehrenden verschickt werden.

Man kann sich wohl vorstellen, dass eine 10jährige das nicht alleine kann.

Mein Sohn nutzt nach einem Datenschutzdiskussionschaos für den Distanzunterricht das Tool MS Teams, leider ohne Videoübertragung, sondern nur Audio und er darf dabei 8 Stunden täglich diversen Präsentationen der Lehrerinnen und Lehrer „lauschen“. Immerhin hat er seine Arbeitsblätter und Aufgaben inkl. eines Kalenders auf dieser einen einzigen Plattform. Manko ist eben, dass man sich nicht sieht bzw. nur die Lehrerin einseitig per Video überträgt und so die Lehrerinnen auch nicht sehen können, ob die Kinder aufmerksam sind oder wie bei vielen leider heutzutage üblich, an ihren Handys rumdaddeln. Ebenso sehen die Kinder natürlich auch nicht sich selbst untereinander. Da es, wie man weiß verschiedene Lerntypen gibt, ist das also für die visuellen Typen eine eher suboptimale Angelegenheit.

Fasse ich also mal zusammen: Als Vater darf ich nun also 5 verschiedene Tools (inkl. Email, Druck und Scan) auf 2 Rechnern administrieren und Arbeitsinhalte und deren Erledigung kontrollieren. In Summe benötige ich dabei täglich ca. 3 Stunden. Da die Lerninhalte bei dieser Art des Unterrichts oft nicht so vermittelt werden können, dass es auch jedes Kind versteht, werde ich unzählige Male am Tag aus meiner Homeoffice-Arbeit rausgerissen und stehe den Fragen meiner Kinder zur Verfügung. Ob es nun nur eine kurze Frage ist oder das Erklären eines komplexeren mathematischen Zusammenhangs oder englische Grammatik, in der ich übrigens leidlich bewandert und ziemlich lange raus aus der Schule bin.

Als wenn das noch nicht genug wäre, kann ich meine Kids jetzt auch noch auf Microsoft Word schulen. Das ist ungefähr so leicht wie bei manchen Rentnern. Ohne diesen jetzt damit was Böses zu wollen. Meine Kinder kommen mir langsam vor wie Arbeitskollegen oder Azubis im Nachbar-Büro.

Täglich kämpft man sich durch ein Chaos der Unklarheiten. Überall gelten andere Regeln. Nicht nur in Bundesländern, nein, jede Schule ist gezwungen ihr eigenes Süppchen zu kochen und wurschtelt sich durch die Pandemie.  

Es gibt keine White-List für vertrauenswürdige Lernplattformen. Es gibt jede Menge datenschutzrechtliche Bedenken. Es ist unklar ob und wie Lehrerinnen und Lehrer die Leistungen der Schülerinnen und Schüler überhaupt bewerten sollen und können. Es lastet ein enormer Druck auf Kindern, Lehrenden und Eltern. All die negativen Nebeneffekte finden dabei keine oder kaum Berücksichtigung.

Den Kindern fehlt frische Luft.

Das liegt nicht nur an den Versäumnissen in Sachen Luftfiltern. Als es noch Präsenzunterricht gab und die Chance, diesen beizubehalten.

Der Austausch mit Freunden fehlt. Echte Begegnungen. Sie verkümmern auf sozialer Ebene zunehmend.

Kinder werden zu Avataren.

Eltern müssen sich bemühen irgendeine Art der Tagesstruktur aufrecht zu erhalten oder neu zu erfinden.

Lehrerinnen und Lehrer wurden und werden von den zuständigen Behörden und Ministerien im Stich gelassen. Sie erfahren weiterhin als erstes über die Presse, was ansteht. Die Informationspolitik der Kultusministerien ist ein Desaster. So müssen sie hektisch immer wieder neue Pläne entwickeln, Unterricht irgendwie digitalkonform gestalten lernen und verlieren dabei immer mehr den Kontakt zu den Kindern. Nebenbei müssen sie sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie an Noten kommen können. Da wird aus sonst eher mündlich orientierten Fächern schnell mal ein reines, nicht mehr sonderlich viel Spaß machendes Hausaufgabenfach. Das Lernen wird den Kindern verleidet. Ich muss nicht erwähnen wie demotivierend es für Kinder sein kann, wenn sie nur noch zuhören, in ein Mikrofon sprechen und schreiben können.

Und dann kommt noch erschwerend hinzu, dass viele Lehrerinnen und Lehrer offenbar immer noch digitale Analphabeten oder Digitalverweigerer sind. Nicht alle, es gibt viele, die fit sind im Umgang mit IT. Aber viel zu viele sind eben nicht oder mehr als unzureichend geschult, verfügen über veraltetes Wissen oder veraltete Hardware. Wenn man z.B. MS Teams nutzt, aber dann zu bearbeitende Arbeitsblätter als JPEG und nicht als PDF auf eine Plattform stellt…dann weiß ich echt nicht, ob ich lachen oder in die Schreibtischkante beißen soll.

Tja…davon das neuerdings von jedem Haushalt mit Kindern quasi erwartet wird, dass man 5 Laptops und 3 Tablets hat, möchte ich gar nicht erst anfangen. Bei uns sieht es so aus: Die Mutter (getrennt lebend im Nestmodell) braucht einen Rechner für das Homeoffice, ich brauche einen Rechner für das Homeoffice und 2 Kinder ebenso. Also 4 Rechner. Welch ein Segen, dass wir uns hier ein kleines Rechenzentrum leisten können.

Was aber machen Familien, die sich das schlicht nicht leisten können? An den Schulen meiner Kinder besteht immerhin mittlerweile die Möglichkeit sich alte Schrottmühlen auszuleihen. Wirklich Geld oder zeitgerechte Hardware ist dort jedoch bisher nicht angekommen. Man schafft es dank der Spenden aus der Elternschaft. Die 3 IPads, die man bekommen hat, reichen nicht für 100 bedürftige Kinder aus Hartz4-Familien.

Lehrerinnen und Lehrer müssen enorm viel ausbaden. Eltern ärgern sich und schimpfen oft auf die Lehrkörper. Sie übersehen in ihrer eigenen Not, dass wir alle Opfer einer desaströsen Bildungspolitik sind und eigentlich im selben Boot sitzen.

Die Damen und Herren in den Schulämtern, die Damen und Herren in den Ministerien müssen endlich echte Pläne und einheitliche, klar verständliche und vor allem für alle geltende Vorgaben und Details mit den Betroffenen abstimmen. MIT den Betroffenen. Nicht über sie hinweg.

Das Chaos muss endlich mal aufhören.

Was jedenfalls in Sachen Homeschooling seit diesem Montag, im erneuten Schullockdown abgeht, GEHT GAR NICHT!!! Das wildgewachsene Potpourri aus Plattformen, Hardware und Software, die Anforderungen an alle Beteiligten, das alles ist ein Wahnsinn.

Als Vater leiste ich seitdem neben meinen 10 Stunden Homeoffice, wie bereits gesagt, noch zusätzlich weitere 3 Stunden Arbeit täglich, nur damit das Homeschooling halbwegs stabil läuft.  Die Kinder hocken 8 Stunden mehr oder weniger aufmerksam vor ihren Rechnern.

Wir können nicht mehr lange durchhalten. Wir sind körperlich, mental und seelisch bereits jetzt alle ziemlich am Ende. Meine eigene Arbeit leiste ich inzwischen auch um 23:00 Uhr noch, da ich während des Tages immer wieder rausgerissen werde und das Pensum anders nicht mehr zu schaffen ist. Das kann nicht sein.

Mir reicht es jetzt. Dieser Distanzunterricht ist mit meinem Job leider nicht vereinbar. Ich kann da nicht mehr mitwirken.

Lehrerinnen und Lehrer müssen jetzt endlich gemeinsam mit Kindern und Eltern aufstehen und den Verantwortlichen deutlich die rote Karte zeigen!

Distanzunterricht ist m.E. nur tragbar, wenn er so gestaltet werden kann, dass Kinder in der Lage sind sich selbst ohne viel zusätzlichen Stress zu organisieren und die Technik auch funktioniert. Das Lernplattformen wegen Überlastung ausfallen ist ja leider nur einer von vielen Knüppeln, den man zwischen die Beine bekommt.

Eltern, noch dazu wenn sie berufstätig sind, können jedenfalls nicht den Job von Pädagogen und Systemadministratoren übernehmen. Auch nicht für einen befristeten Zeitraum. Wie lange das alles noch so geht, steht ohnehin in der Sternen.

Last but not least empfinde ich es nahezu als Kindeswohlgefährdung, dass man Kinder 6-8 Stunden am PC, an ergonomisch nicht den Anforderungen der Arbeitswelt entsprechenden Arbeitsplätzen, arbeiten lässt, ihnen per Verordnung sämtliche Freizeit- und Sportaktivitäten nimmt, sie sozial separiert, mit Aufgaben bisweilen völlig überfrachtet und sich niemand die Zeit nehmen kann, ihnen ihre Fragen 1:1 zu beantworten. Wir lassen unsere Kinder alleine. Die Spätfolgen sind unabsehbar. Der Leistungs- und Wissensabsturz ist vorprogrammiert.

Das Schuljahr ist verloren.

Man sollte wenigstens bis zur Klasse 9 die Notenvergabe aussetzen und sich darüber Gedanken machen, ob man nach einer Lernstanderhebung nicht einfach das aktuelle Schuljahr für alle wiederholt.

Wenn jetzt nicht endlich etwas passiert, dann sollten Eltern und am besten auch Lehrerinnen und Lehrer langsam aber sicher in den Streik treten.

Ich jedenfalls habe die Schnauze voll von einer Politik, die nur Phrasen von Solidarität und Gemeinsamkeit drischt, weltfremdes  Zeugs aus dem Elfenbeinturm labert und planlos per Verordnung von oben herab das Wahlvieh und dessen Kinder gängelt.